FARB Blog

"Der Stein im kulturellen Mosaik"

Interview mit Dr. Britta Kusch-Arnhold - Leiterin des FARB

Dr. Britta Kusch-Arnhold, die Leiterin des FARB, wirft  im Interview einen Blick zurück auf spannende Zeiten, aber vor allem nach vorn: Das FARB ist eröffnet. 

 

  1. Frau Dr. Kusch-Arnhold: Was ist das FARB?

 

Das FARB ist touristischer Anlaufpunkt, städtischer Kulturort und das Museum der Stadt. Es ist das nun komplett neu gestaltete ehemalige Rathaus am Markt, in dem bis in die 1980er Jahre die Stadtverwaltung ihren Sitz hatte. Im FARB bündeln wir mehrere Angebote: die Tourist-Information, eine Sammlung zur Stadtgeschichte und wechselnde Ausstellungen. Weniger bekannt ist unser schöner Saal. Dort haben wir in der ehemaligen Heilig-Geist-Kirche mit hohen Kirchenfenstern und Parkettboden einen Raum für tolle Konzerte und Kleinkunstformate. Außerdem finden sich bei uns noch das städtische Kulturbüro und – quasi in Sichtweite – unsere historische Druckwerkstatt, die auch zu uns gehört. Sie ist unsere kleine „Außenstelle“ und der Ort, an dem wir Druckgrafik-Workshops machen. Aber das FARB ist mehr als die Summe seiner Räume, es ist eigentlich eine Vision: nämlich aus dem Haus einen Ort für begeisternde Begegnungen mit der Stadt, der Kunst, der Kultur und den Menschen zu machen. Während der Planungen sprachen wir von der „neuen kulturellen Mitte der Stadt“, das finde ich als Grundgedanken immer noch sehr passend.

 

  1. Wofür steht die Abkürzung FARB?

 

FARB besteht aus den Anfangsbuchstaben von Forum Altes Rathaus Borken. Ich finde den Namen sehr schön, weil die Vielfalt unseres Hauses schon anklingt. Wenn man die Abkürzung FARB auflöst, sind zugleich der prominente Ort im Herzen der Stadt und seine Geschichte benannt. Natürlich regt der Name auch zu Assoziationen und Wortspielen an, er ist also offen und inspirierend. Für mein Empfinden ist der Name für unser Haus jedenfalls sehr passend, absolut naheliegend und zukunftsfähig. Nun werden wir ihn mit Leben füllen.

 

2a. Und wie sind Sie auf den Namen gekommen bzw. wer hatte die Idee dazu?

 

FARB kommt mir inzwischen ganz gewohnt über die Lippen. Dabei haben wir gemeinsam mit der Bürgerschaft Borkens den Namen in einem spannenden kreativen Prozess gefunden. In der Projektphase gab es unterschiedliche Arbeitstitel für das Haus. Im April 2017 haben wir dann einen Ideenwettbewerb ausgerufen. Fast 200 Vorschläge haben uns erreicht. Unsere Kooperationspartner, unter anderem der Heimatverein Borken e.V. und der Kunstverein Borken Artline und mehr e.V., Mitarbeiter*Innen des Projekts und Vertreter*Innen der lokalen Politik, Schüler*innen sowie zwei ausgeloste Bürger*innen haben in einem Workshop die fünf besten Namen ausgewählt. Das war ein unglaublich spannender Tag, an dem wir auch ganz viel über die Identität, die Ziele und das Profil des FARB diskutiert haben! Die Auswahl haben wir noch ein paar Marketing- und Kultur-Experten zur Beratung vorgelegt. Und schließlich hat im Sommer 2017 dann der Rat der Stadt sehr weise entschieden: Seitdem trägt das Projekt den Namen FARB.

 

  1. Bis zur Namensfindung hat es sicherlich eine Zeit gedauert. Wann genau ist denn die erste Idee zum FARB „geboren“?  Und wie kam es überhaupt zum Umbau und zur Zusammenlegung von Tourist-Info und Stadtmuseum? Hätte nicht eine „einfache“ Renovierung gereicht?

 

Ja das stimmt. Es war ein langer Weg bis zum Umbau. Weit mehr als 10 Jahre ist es her, dass sich die damaligen Kooperationspartner, viele interessierte Bürger*innen und die Stadt zusammenfanden, um über die Modernisierung des in die Jahre gekommenen Stadtmuseums nachzudenken und sich mit sehr viel Engagement dafür stark zu machen. Etappen auf dem Weg bis zum Baubeschluss 2015 waren viele Entwürfe und Konzepte. Richtig Schwung hat das Vorhaben aber durch die Regionale 2016 ZukunftsLand bekommen. Erst als klar war, dass eine Renovierung nicht reicht, sondern nur eine Neuprofilierung des Stadtmuseums zum erweiterten Kulturort, der mit dem Stadtraum verbunden ist und in diesen hineinwirkt, zum Erfolg führt, haben wir die Zusage von Fördergeldern für den Umbau erhalten. Von Anfang war und ist allen Beteiligten sehr wichtig, dass das Stadtmuseum in die Zukunft geführt wird. Das heißt, wir wollen als Kultur-, Begegnungs- und Bildungsort auch für die zukünftige Generation von Bedeutung sein. Viele Menschen sollen gern und oft zu uns kommen. Dafür arbeiten wir. Mit Blick auf unsere Zielgruppen, unsere Organisation und unsere Identität ist es richtig, die Tourist-Information als den eingeübten Anlaufpunkt für Borkener*Innen und für alle Gäste der Stadt mit einzubeziehen. Wir verbinden den Borkener Willkommens-Ort und den neuen Kulturort. Das Forum im Namen FARB drückt diese Erweiterung gut aus: Es ist eben kein reines Museum mehr, sondern ein Forum und Haus für viele Angebote und Veranstaltungen.

 

3a. Und wer hat diese Neuprofilierung bezahlt?

 

Träger des FARB ist die Stadt Borken. Sie übernimmt alle Kosten des Betriebs und stellt uns ein Budget für unser Programm zur Verfügung. Das ist eine riesen Leistung und ein deutliches Bekenntnis der Politik zur Kultur als Standortfaktor und als ein Element der Daseinsvorsorge! Der Umbau wurde finanziert durch Städtebauförderung des Landes NRW, durch Investitionsförderung der LWL-Kulturabteilung und nicht zuletzt durch die Eigenmittel der Stadt Borken.

 

  1. Im Rahmen des Kulturentwicklungsprozesses wurde 2017 von Bürgern und der Stadtverwaltung eine Stärken-Schwächen-Analyse der kulturellen Situation in Borken durchgeführt. Als „ausbaufähig“ wurden dabei die Bandbreite des Angebots vor allem für Jugendliche und junge Erwachsene eingestuft. Auch meine Masterarbeit, die sich mit diesem Thema beschäftigt, kam zu dem Ergebnis, dass den (jungen) Borkenern vor allem Kleinkunstformate und Musikangebote fehlen. Finden die Borkener diese Angebote jetzt im FARB? Oder an welches Publikum richtet sich das FARB?

 

Es ist meine tiefe Überzeugung, dass es eine soziale Gesellschaft nur mit Kultur geben kann und dass jede Generation sozusagen ihren eigenen Stein in das kulturelle Mosaik einer Gesellschaft legt. Daher sind unser Publikum zunächst einmal Menschen zwischen 0 und 99. Junge Menschen stehen aber bei uns in besonderer Weise im Fokus, weil das Interesse für Kunst, Kultur und Geschichte immer wieder neu entfacht werden muss, um Erbe auch an die Jüngeren weitergeben zu können. Das hört sich kompliziert an, bedeutet aber für uns in der Praxis: Wir möchten, dass die jungen Leute kommen, neugierig werden, wiederkommen und andere mitbringen, weil es ihnen einfach gut gefallen hat. Zum Beispiel setzen wir in der neuen stadtgeschichtlichen Sammlung ganz auf digitale Vermittlung. Unser Haus hat zwei schöne Sonnenterassen und einen großen Saal: Musik und Konzerte für ein junges Publikum gehören auf jeden Fall zu unserem Programm. Wir laden jede*n herzlich ein: Lasst euch überraschen, seid neugierig und folgt uns in den sozialen Netzwerken wie Instagram, um zu sehen, was unser Haus alles bieten kann.

 

4a. Gibt es für Schüler und Studenten / junge Erwachsene vergünstigte Eintrittspreise?

 

Der Eintritt in die Sammlung ist kostenlos und bei allem anderen gibt es natürlich Ermäßigungen.

 

4c Wenn man nach Informationen über das FARB sucht und die Medien dazu verfolgt, hat man das Gefühl, das Angebot ist unendlich breit. Ausstellungen, Möglichkeiten der kulturellen Erfahrung, Tourist-Info, Druckwerkstatt und noch viel mehr. Was genau ist dann jetzt das Herzstück des FARBs?

 

Der Eindruck, dass unser Angebot sehr breit ist, ist nicht falsch. Das gesamte Programm beruht aber auf einem klaren Profil, aus dem sich alle Veranstaltungen und Aktivtäten natürlich ergeben: Wir haben, um Ihr Bild aufzunehmen, drei Herzen, die gemeinsam schlagen und eng zusammenwirken: Tourismus, Ausstellungen und Kulturprogramme. Miteinander verknüpft sind sie durch den Leitgedanken: Die Welt nach Borken holen und der Welt Borken zeigen.

Um das zu verdeutlichen: Die „großen“ Themen haben ja immer einen örtlichen Bezug, den suchen wir und greifen ihn auf. Das spiegelt unsere neue Sammlungspräsentation wieder, auf die wir uns beim Umbau konzentriert haben, und wird auch zukünftige Ausstellungen und Projekte prägen, wenn wir aktuelle Kunst von internationaler Bedeutung zeigen oder Aspekte der sich wandelnden Stadtkultur zum Thema machen.

 

  1. In der Zeitung und in den sozialen Medien wurde viel über den dritten Ort in Borken berichtet. Inwiefern hängen das FARB und der dritte Ort zusammen oder was sind die Unterschiede? Das FARB ist doch auch ein „Begegnungsort“?

 

Der „Dritte Ort“ und das FARB haben in der Tat Gemeinsamkeiten. Uns verbindet der Wunsch, den Menschen einen Alternativort zur Arbeit und zum Zuhause anzubieten und so im öffentlichen Raum gemeinsam mit anderen Menschen Impulse zu erfahren, Kultur zu erleben und aktiv werden zu können. Der dritte Ort legt als Fusion aus Musikschule, Bibliothek, Gastronomie und den weiteren Elementen seinen Schwerpunkt auf das kreative Tun wie Musizieren, Literatur usw., während wir unser Augenmerk auf die vorhandenen kulturellen Schätze in Konzerten, Ausstellungen, Druck-Events oder Stadtführungen richten. Ich bin sicher, das wird eine sehr fruchtbare Zusammenarbeit und für die zukünftigen Besucher*innen ein fröhliches und bereicherndes Hin- und Her! Also die Vorstellung zum Beispiel Familienväter in unserer Ausstellung mit dem digitalen Museumsguide zu sehen, während sie auf ihre Kinder warten, die gerade Instrumentalunterricht haben, finde ich schon ziemlich klasse!

 

  1. Jetzt feiern Sie die Eröffnung mit einem langen Wochenende voller Highlights. Von der ersten Idee bis jetzt ist einige Zeit vergangen. Warum hat das eigentlich so lange gedauert?

 

Wir haben 2016 mit dem Spatenstich begonnen. Dem gingen eine lange Projektphase, Architekten- und Gestalter-Wettbewerbe und ein Baubeschluss voraus. Geplant war, dass wir 2019 eröffnen. Das hat nicht geklappt, denn der Bau hielt einige Überraschungen für uns bereit. Die Rohbauphase war für unsere verantwortlichen Bauleute wirklich knifflig. Aber alles ist gut gegangen. Auf der Zielgeraden kam dann die Sache mit dem Haupteingang, die eine lange öffentliche Kontroverse und Zeitverzug auslöste. Kaum waren diese überwunden, kam uns der Corona-Virus dazwischen. Aber wir sind optimistisch, freuen uns und haben viele Pläne für die Zukunft.

 

  1. Sie haben das Haus am 14.6. für Besucherinnen und Besucher ohne Feier geöffnet, weil Sie trotz Corona-Auflagen an den Start gehen wollten. Wie ist Ihr Resümee nach den ersten Wochen?

 

Die Reaktionen und Rückmeldung sind sehr positiv. Die Leute mögen das Haus, das offene und helle Ambiente und das Flair. Die neue stadtgeschichtliche Sammlungspräsentation trifft auf viel Interesse und unser absoluter Publikumsliebling ist unser Stadtmodell mit seinen tollen Kurzfilmen zur Stadtgeschichte. Natürlich sehen wir vom Team noch vieles, das wir noch verbessern können und wollen. Besonders anspruchsvoll ist die Technik im Haus, aber bisher hielten sich die Pannen in Grenzen. Dass wir ein Ort sind, der mehr ist als die Tourist-Information und das Museum muss sich erst noch richtig rumsprechen. An den passenden Formaten basteln wir!

  1. Wenn Sie die Zeit des Baus mit Hilfe von Adjektiven reflektieren müssten, die die vier Anfangsbuchstaben des FARBs haben, wie würden diese Wörter lauten?

 

(Lacht) Wir haben bei uns im Team-Büro eine Pinnwand auf der Sprüche landen, die hier und da aufblitzen. Zum Beispiel steht da leicht ironisch „Bauen soll Spaß machen“ neben „Wake me up, when all is over“. Wörter mit F, A, R oder B finden sich da, glaube ich, nicht. Aber ich versuche es: F wie faszinierend - war für mich, wie lange ein halbes Dutzend Planer über bauliche Details diskutieren können, die am Ende dann doch anders realisiert werden. A wie anstrengend - war es manche Male, wenn viele Dinge gleichzeitig zu erledigen waren ganz besonders. R wie reicher – an sehr unterschiedlichen Erfahrungen bin ich nun. Die vielen Begegnungen mit Kreativen, Handwerkern und anderen Beteiligten und die Arbeit mit einem wirklich tollen Team haben mich menschlich sehr bereichert. B wie begeistert – war und bin ich von Kultur. Diese Begeisterung ist mein Motor!

 

  1. Wenn die Leser dieses Interviews sich dazu entscheiden, das FARB zu besuchen. Lohnt sich dann auch noch ein zweiter Besuch in der Zukunft? Was für Projekte stehen an und in welchem Rhythmus wechselt das Angebot bzw. die Ausstellungen?

 

Ein Besuch bei uns lohnt sich immer. Die Sammlung ist nicht mit einem Besuch zu erfassen, sondern hält auch bei 3. Mal noch Neues bereit. Wir werden mehrere Wechselausstellungen pro Jahr zeigen, mehrere Konzerte – wenn Corona uns dies erlaubt -  unterschiedlicher Genres, Workshops, Lesungen usw. Ich denke, es wird für jeden etwas dabei sein. Unser Eröffnungsprogramm soll ein kleiner Vorgeschmack sein:

Unser Herbstprogramm ist gut bestückt. Absolutes Highlight wird sich die Ausstellung mit Werken vom Düsseldorfer Künstler Imi Knoebel sein. Die beiden Konzerte des Herbstes sind schon richtige Klassiker, denn mit Theon Cross und Jean-Claude Seferian haben wir zwei Künstler am Start, die in Borken gut bekannt sind. Wir wollen auch neue Formate ausprobiere. Einfach mal auf unserer Website vorbeischauen, neugierig bleiben und auf die Presse-Infos achten!

Wir werden mit dem FARB einen Ort schaffen, an den man immer wieder kommen mag, weil er wie das Lieblingscafe oder der gute Freund stets etwas Neues und zugleich etwas Vertrautes bereithält: Obwohl man sich irgendwann gut kennt, freut man sich trotzdem immer wieder aufeinander und weiß, dass es eine gute Zeit wird.

 

Das Interview führte Caroline Schlottbom (Leitung Tourist-Information Borken).

Britta Kusch-Arnhold im Gespräch mit Carolin Schlottbom. © Stadt Borken / Mediamieze.